Skip to content

Berührungsmangel – Ein Phänomen unserer modernen Welt?

Berührungsmangel – Ein Phänomen unserer modernen Welt?

Zwischenmenschlicher Körperkontakt ist für die gesunde Entwicklung eines Kindes unerlässlich. Aber auch im Verlauf unseres weiteren Lebens brauchen wir Berührungen, um psychisch und physisch gesund zu bleiben. Doch ist unsere heutige Art zu leben noch dazu geeignet, unser angeborenes Verlangen nach Kuscheleinheiten und Zärtlichkeiten ausreichend zu stillen oder droht uns zunehmend ein Mangel an Berührungen? Und welche Folgen könnte dieser Mangel langfristig für jeden einzelnen Menschen und unsere Gesellschaft insgesamt haben? Diesen Fragen wollen wir uns im Folgenden widmen:

Ein Rückblick in vergangene Zeiten

Betrachten wir die sozialen Gefüge vergangener Zeiten, wird eines schnell deutlich: Das Zusammenleben war wesentlich enger und von deutlich mehr Körperkontakt geprägt. Allein der Umstand, dass mehrere Generationen zusammen unter einem Dach lebten, brachte unwillkürlich mit sich, dass man sich häufiger berührte und kaum alleine was. Kinder wurden zu Hause betreut und wuchsen nicht selten mit zahlreichen Geschwistern auf. Sie spielten miteinander im Freien, rauften, balgten und erforschten die Natur mit all ihren Sinnen. Es war immer jemand im Haus, der ihnen Trost spenden konnte, wenn sie mit einem aufgeschürften Knie nach Hause kamen. Die Alten verblieben bis zu ihrem Lebensende im Familienverband und wurden von den Jüngeren gepflegt, wenn sie alleine nicht mehr für sich sorgen konnten. Während im Frühjahr und im Sommer die Arbeit auf den Feldern verrichtet wurde, saß man in den kalten Wintermonaten gemeinsam am wärmenden Ofen und erzählte sich Geschichten. Das Bett wurde mit mehreren Familienmitgliedern geteilt, die einander wärmten. Das gesprochene Wort hatte noch Bedeutung und durch die teilweise mangelnde Schulbildung kam ohnehin niemand auf die Idee, Vereinbarungen schriftlich festzuhalten. Stattdessen wurden sie mit einem festen Handschlag besiegelt. Lob und Anerkennung wurden durch ein Schulterklopfen ausgedrückt und Begrüßungen fanden ohne vernichtende Gedanken an Keime oder übertragbare Krankheiten statt.

Unsere Welt heute

Das heutige Familienleben unterscheidet sich drastisch von dem, was noch vor noch 100 oder 200 Jahren als gängig galt. Kinder gehen in die Kita, während Eltern häufig über die 40-Stunden-Woche hinaus, Zeit in ihre Karrieren investieren. Fernbeziehungen und Singlehaushalte sind feststehende Begriffe und Lebensformen, die ganz alltäglich sind. Anstatt uns persönlich zu treffen und mit einer warmen Umarmung zu begrüßen, schreiben wir uns Kurzbotschaften über das Smartphone oder widmen unsere Zeit diesen Wunderkästchen gar dann, wenn sich liebe Menschen in unserer greifbaren Nähe befinden. Die Digitalisierung hat uns Wege eröffnet, immer und überall in Kontakt zu bleiben, ohne einander real zu begegnen. Kaum jemand hat heute noch die Zeit, sich selbst ausgiebig um seine alternden Eltern zu kümmern. Immer mehr Senioren leiden unter Vereinsamung, während die jüngeren Generationen nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung streben. Unser Leben ist hektisch geworden, getrieben vom Hunger nach Geld und Erfolg. Kinder treffen sich nicht mehr draußen zum Spielen, sondern begegnen ihren Freunden in virtuellen Chaträumen. Eine Entwicklung, die sich wohl kaum aufhalten lässt, aber eines ganz sicher mit sich bringt: Wir leben heute mit wesentlich weniger körperlicher Nähe zu unseren Mitmenschen als früher. Immer häufiger entscheiden wir uns bewusst für ein Leben ohne feste Bindungen und somit auch für ein Leben ohne Zärtlichkeiten. Die weltweite Vernetzung hat uns zusammenrücken lassen und uns dennoch unweigerlich voneinander entfernt.

Welche Folgen die drohende Unterkuschelung haben kann

Vor dem Hintergrund, dass Schmuseeinheiten, Knuddeln und Umarmungen, Empathie und Vertrauen fördern, unser Selbstbewusstsein stärken und die Bindung zwischen zwei Menschen festigen, stellt sich die Frage, was passiert, wenn wir dauerhaft zu wenig Körperkontakt haben. Welche Auswirkungen hat chronische Unterkuschelung und könnten zunehmende Kriminalität, die enorme Rate an Ehescheidungen und vielfältige psychische Erkrankungen eine Folge dieser sein? Sind Egoismus und Rücksichtslosigkeit angeboren oder könnte der Grundstein für soziale Inkompetenz in der unerfüllten Sehnsucht nach menschlicher Nähe liegen? Von all unseren Sinnen ist der Tastsinn wohl der komplexeste und Wissenschaftler haben trotz zahlreicher Untersuchungen vermutlich noch lange nicht erschöpfend ergründet, welche Macht Berührungen haben können. Wie wirken sie sich auf unser Verhalten aus und inwieweit sind sie gezielt eingesetzt, dazu geeignet, unser Verhalten positiv zu beeinflussen? Fakt ist, dass der Mangel an liebevollem Körperkontakt uns schaden kann. Wie genau sich dieser Schaden zeigt und in welchem Ausmaß er auftritt, hängt wohl von unseren individuellen Charakteren ab und ist bei jedem Menschen unterschiedlich.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Ein guter Ansatz, um einem Mangel an wohltuenden und bereichernden Berührungen in unseren Leben zu begegnen, könnte sein, wieder mehr auf unser Bauchgefühl und unsere Intuition zu hören. Unsere Kinder machen es uns schließlich vor. Bei Angst, Schmerz und Überforderung suchen sie unsere Nähe und lassen sich durch sanftes Streicheln und liebevolle Umarmungen trösten und beruhigen. Auch wir Erwachsenen empfinden diesen Impuls, doch gehen wir ihm viel zu selten nach. Die Angst, Schwäche zu zeigen und unsere Selbstkontrolle und Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen, hindert uns daran, uns fallen und in schweren Momenten auffangen zu lassen. Die Sorge, zurückgewiesen oder enttäuscht zu werden, tun ihr übrigens. Ein Teufelskreis, der sich nur schwer durchbrechen lässt; fördert doch gerade der Körperkontakt zwischen zwei Menschen die Ausschüttung von Oxytocin, dem Hormon, das unter anderem für den Aufbau von Vertrauen förderlich ist. Vielleicht sollten wir unser Bewusstsein wieder mehr für das Wesentliche schärfen und uns darauf besinnen, was uns wirklich wichtig ist. An dem guten Gefühl, das wir nach einem romantischen Abend mit unserem Partner oder unserer Partnerin empfinden oder nach dem ausgiebigen Knuddeln mit unserem Nachwuchs, könnten wir uns viel öfter erfreuen, wenn wir ihm nur genügend Wichtigkeit beimessen. Wir sollten wieder lernen, auf unsere ureigenen Bedürfnisse zu hören, uns trauen, diese offen zu kommunizieren und mehr Bereitschaft zeigen, Zärtlichkeiten zuzulassen und sie anderen zu schenken. Lassen wir in unserem Leben wieder mehr echte Begegnungen zu und erfreuen wir uns am geselligen Beisammensein mit unseren Liebsten. Besinnen wir uns darauf, was uns als soziale Wesen ausmacht; nämlich die liebevolle und sorgsame Interaktion mit unseren Mitmenschen. Um unserer selbst willen und zum Wohle unserer Gesellschaft, aber auch für die Zukunft unserer Kinder, sollten wir wieder mehr echte Kontakte zulassen und ihnen einen dauerhaften Platz in unserem Leben einräumen. Ganz gleich, wie schnell sich unsere Welt weiter dreht und welche modernen Errungenschaften noch auf uns warten, eines kann uns keine noch so ausgeklügelte Technik ersetzen: die Wärme und Geborgenheit, die uns ein anderer Mensch bieten kann.

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on pinterest
Pinterest
Share on reddit
Reddit
Share on whatsapp
WhatsApp
Share on email
Email