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Ab wann ist man eigentlich zu alt für die Liebe?

Ab wann ist man eigentlich zu alt für die Liebe?

Wir finden es zuckersüß, wenn Kindergartenkinder auf einem Gruppenfoto Händchen halten und das Mädchen dem Jungen dabei einen kräftigen Schmatzer auf die Wange drückt. Für Teenager-Pärchen, die an jeder Ecke knutschen, haben wir größtes Verständnis, denn so sind sie eben, wenn die Hormone in Wallung geraten und sie sich das erste Mal verlieben. Erwachsenen jüngeren und mittleren Alters gestehen wir bedenkenlos eine Beziehung zu – nein, wir erwarten geradezu, dass sie eine führen, denn sonst, so vermuten wir zumindest, kann da etwas nicht stimmen. Und wenn Oma und Opa ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben, ist sowieso alles prima. Aber sobald sich ein älterer Mensch erneut auf Partnersuche begibt oder sogar so richtig verliebt, geraten wir ins Grübeln und verdrehen manches Mal verständnislos die Augen.

Legitime Liebe – oder was wir darunter verstehen

Sobald ein Kind geboren wird, beobachten wir sein Verhalten im Umgang mit anderen Personen. Dabei achten wir ganz besonders darauf, wie sich das Liebesleben des kleinen Menschen entwickeln wird. Im Baby- und Kleinkindalter tut sich hier natürlich noch nicht viel, außer dass der Nachwuchs phasenweise eine besondere Vorliebe für eines seiner Spielzeuge zeigt. Unter den wachen Augen der Eltern gerät das Kind aber meist schon während seiner Grundschulzeit von Zeit zu Zeit ins Schwärmen, weil das neue Nachbarsmädchen so hübsche Zöpfe hat oder der Tischnachbar in der Schule besonders cool ist. Etwas später geht das Kind schon erste harmlose Freundschaften ein, verliebt sich irgendwann und bringt vielleicht schon bald einen Freund oder eine Freundin mit nach Hause. Was für viele Eltern anfangs gewöhnungsbedürftig ist, wird schnell zur Normalität. Mittlerweile stellt sich das Kind – jetzt schon im Teenageralter – ohnehin regelmäßig der neugierigen Frage von Verwandten und Bekannten: „Hast du denn schon einen Freund/eine Freundin?“. Manch ein Elternteil Zeit sich sogar besorgt, wenn der Sohn oder die Tochter im fortgeschrittenen Jugendalter noch keine Ambitionen zeigt, eine Beziehung einzugehen oder zumindest bekundet, dass es da jemanden gibt, den er oder sie besonders gerne mag. Zwanzigjährige, die noch keinerlei Erfahrungen in der Liebe gesammelt haben, gelten als Spätzünder, wenn nicht sogar als etwas sonderbar. Spätestens ab dreißig wird es schließlich schon Zeit, mit dem Partner oder der Partnerin zusammenzuziehen – falls dieser Punkt auf der Beziehungscheckliste nicht bereits abgehakt ist – und ans Heiraten und Kinderkriegen zu denken. Wenn alles gut läuft, hält die Ehe die Höhen und Tiefen des Lebens aus und Mann und Frau haben alles richtig gemacht.

Alt und verknallt wie ein Teenager – was ist denn schon dabei?

Dass die Liebe nicht immer geradlinig verläuft, sich an keine Regeln hält, manchmal einfach verschwindet oder durch bestimmte Ereignisse schlicht ausgelöscht werden kann, wissen wir alle. Es gibt zahlreiche Menschen, die durch einen Schicksalsschlag ihren Partner verlieren, sei es durch eine Krankheit, einen Unfall oder aufgrund seines hohen Alters. Viele von ihnen sind schon etwas älter. Manch eine Ehe scheitert trotz guten Willens nach Jahrzehnten und bringt zwei alternde Neusingles hervor. Ob nach einer Trennung, einer Scheidung, dem Tod des Partners oder einfach nur so, viele Menschen im fortgeschrittenen Alter wünschen sich noch einmal die Liebe zu finden und glückliche Momente zu zweit zu genießen. Ein Wunsch, der von ihrem Umfeld oftmals belächelt, manchmal sogar auf schärfste kritisiert wird. Und das alles nur, weil jüngere Menschen sich nicht vorstellen können, dass das Bedürfnis nach Zuneigung und Zärtlichkeiten mit den Jahren nicht einfach verschwindet. Das Gefühl, verliebt zu sein, ist so erfrischend, verrückt und beschwingend, dass dieser rauschähnliche Zustand älteren Menschen scheinbar nicht gegönnt wird. Schließlich wirkt es für Außenstehende so, als ließe er sich nur schwer mit der nun schon vorhandenen Reife und Lebenserfahrung eines älteren Menschen vereinbaren. Manchmal spielen auch unterschwellige Ängste eine Rolle, weil beispielsweise der vor Liebe wild gewordene verwitwete Vater das Erbe der Kinder verschleudern oder die alte Tante blind vor Liebe auf einen Heiratsschwindler hereinfallen könnte. Erwachsene Kinder neigen teilweise dazu, einem ihrer Elternteile keinen neuen Partner zu gönnen, weil es auf sie so wirkt, als solle der andere Elternteil durch diesen ersetzt werden. Doch objektiv betrachtet gibt es keinen Grund, warum sich ältere Menschen nicht verlieben, eine neue Beziehung eingehen oder noch einmal heiraten sollten. Denn auch im Alter ist es immer noch möglich, sich über beide Ohren zu verlieben.

Man ist nie zu alt für die Liebe

Die Toleranz in Liebesdingen ist also bis zu einer gewissen Altersgrenze recht hoch. Bei älteren Menschen allerdings akzeptiert es ihr Umfeld meist noch, wenn sie einen möglichst platonischen Freizeitpartner haben oder sich auch kurzzeitig einen Kurschatten zulegen. Es muss ja schließlich niemand vollkommen vereinsamen und die eigene Familie sieht sich auch entlastet, weil sie sich nicht immerzu um die Bedürfnisse des alleinstehenden Senioren kümmern muss. Ist diese praktische Zweckbeziehung allerdings zu stark romantisch oder sogar erotisch motiviert, ist das Verständnis meist schnell verflogen.

Liebe sollte nicht an bestimmte Voraussetzungen gebunden sein. Sie kann jedem passieren, ganz unabhängig von seinen Lebensumständen oder seinem Lebensalter. Und wir sollten sie jedem gönnen, ganz besonders den Menschen, die uns am Herzen liegen. Deshalb ist es schlicht egoistisch und engstirnig, sich über ältere Menschen, die sich einen Partner an ihrer Seite wünschen, lustig zu machen oder sie zu kritisieren. Verliebt zu sein, kann eine Person etwas aus der Bahn werfen oder zu Taten bewegen, die eher ungewöhnlich oder unvernünftig erscheinen – aber das darf es auch, denn das macht das Ganze so spannend. Deshalb sollten Kinder, Enkelkinder, Verwandte und Bekannte etwas mehr Toleranz zeigen und ihren älteren Mitmenschen genau das gönnen, was sie sich auch für sich selber wünschen: einen Haufen wilder Schmetterlinge im Bauch und eine liebevolle und erfüllende Partnerschaft – egal wann und ganz gleich wie oft. Denn für die Liebe ist man nie zu alt.

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